Eckpunkte des VBE für ein zukunftsfähiges Arbeitszeitmodell

VBE-Positionen zur Lehrerarbeit
beschlossen auf der VBE-Landeskonferenz 2007

Arbeitszeit und Lehrergesundheit

Der VBE NRW hat die Ergebnisse der QuAGiS-Befragung eingehend untersucht und legt unter deren Beachtung folgende Eckpunkte für Modellversuche mit einem gerechteren Arbeitszeitmodell und mit verbesserten Arbeitsbedingungen vor:

Eckpunkte für ein zukunftsfähiges Arbeitszeitmodell unter den Aspekten von Qualität pädagogischer Arbeit und Lehrergesundheit

Die Schulen in NRW befinden sich im Umbruch. Da Dauer und Ausmaß der Veränderungen nicht absehbar sind, ist unter den Lehrkräften ein großes Maß an Unsicherheit feststellbar. Viele zeigen starkes berufliches Engagement, sind aber mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden.

Eine zentrale Ursache für diese Arbeitsunzufriedenheit ist, dass die Arbeitszeit der Lehrkräfte in erster Linie über die Anzahl der zu erteilenden Unterrichtsstunden definiert und gesteuert wird. Hinzu kommt eine sich schleichend ausweitende Präsenzzeit für Lehrerinnen und Lehrern aller Schulformen, z.B. durch die Ausweitung der Stundentafel und offener Ganztagsangebote, ohne dass es hierfür transparente Arbeitszeitstrukturen oder die notwendigen räumlichen und sächlichen Voraussetzungen gibt. Neben der ausschließlichen Konzentration auf die Höhe der Unterrichtsverpflichtung müssen die mangelnde Berücksichtigung unterschiedlicher Belastungen sowie die eingeschränkte Selbstständigkeit der Einzelschulen beanstandet werden (Eigenverantwortliche Schule).

Das  System der Pflichtstundenregelung wird in den letzen Jahren zunehmend kritisch gesehen. Heute wird die Arbeitszeit der Lehrerkräfte nur noch in vier Staaten Europas über die Anzahl der Unterrichtsstunden definiert (in Belgien - Französische und Deutschsprachige Gemeinschaft, Irland, Luxemburg und Deutschland). In 24 europäischen Staaten werden entweder die Gesamtzahl der Arbeitsstunden festgelegt, in der sämtliche Leistungen der Lehrer berücksichtigt werden, oder die Regelung der Lehrerarbeitszeit wird dahingehend verändert, dass zusätzlich zu der Anzahl der Unterrichtsstunden eine Präsenzzeit eingerichtet wird, während der  Lehrerinnen und Lehrer in der Schule anwesend sein müssen, um spezifische außerunterrichtliche Aufgaben zu erfüllen, wie z.B. Teamarbeit und administrative Aufgaben.

Lehrerarbeit darf nicht allein aus dem Blickwinkel der Arbeitszeit gesehen werden.  Gesundheit, Berufszufriedenheit sowie die Qualität der pädagogischen Arbeit der Lehrerinnen, Lehrer und Schulleitungen müssen bei der Betrachtung der Lehrerarbeit und einer Neuregelung der Arbeitszeit  eine wesentliche Rolle spielen.  Es ist daher aus der Sicht  des VBE dringend erforderlich, die Regelung der Arbeitszeit als eine Gestaltungsaufgabe anzunehmen, bei der alle heutigen und künftigen Anforderungen an die Lehrerschaft Berücksichtigung finden. Es reicht nicht aus, eine bestimmte Zahl für die Unterrichtsverpflichtung vorzugeben und es ansonsten den Lehrkräften zu überlassen, in welchem zeitlichen Rahmen sie die übrigen Aufgaben bewältigen.

In diesem Zusammenhang sind grundsätzlich auch die spezifischen psychischen und physischen Belastungen zu berücksichtigen (u. a. Unterschiedlichkeit der zu unterrichtenden Schülerinnen und Schüler, eine andere Elternklientel, Klassengrößen, Raumklima/Lärm, Stress durch fehlende Erholungsphasen, die Forderung nach Lösung aller gesellschaftlichen Probleme durch Schule  und vieles, vieles mehr).

Ziel muss die Schul- und Qualitätsentwicklung und die Stärkung der Profession des Lehrerberufs sein.
Zurzeit wird die Qualität der schulischen Arbeit durch Leistungsüberforderung aller in Schule Beschäftigten in Frage gestellt. Dies wird allein durch individuelles Engagement aufgefangen.

Seit Jahrzehnten wird immer wieder versucht, die Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer wissenschaftlich zu untersuchen und zu messen, zuletzt durch die 1999 vom Schulministerium selbst in Auftrag gegebene Studie von Mummert + Partner.
Diese Untersuchung hat unmissverständlich dokumentiert, dass die Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer aller Schulformen in NRW im Durchschnitt über der des öffentlichen Dienstes liegt.
Da die Ergebnisse wohl weder erwartet worden noch gewünscht waren, hat man die Studie möglichst rasch in den Schubladen verschwinden lassen und nicht, wie es konsequenterweise erforderlich gewesen wäre, zumindest die Unterrichtsverpflichtung abgesenkt.

Seit diesem Zeitpunkt sind die Schulen unablässig mit Veränderungen und Neuerungen konfrontiert worden. Ständig sind Lehrerinnen und Lehrern weitere Aufgaben mit neuen Anforderungen und zusätzlichen Belastungen zugewiesen worden. Überproportional betroffen davon sind  im Übrigen Teilzeitkräfte, für die bisher kein Konzept erkennbar ist, durch das die Arbeitszeit der verminderten Pflichtstundenzahl analog angepasst werden könnte.

Der VBE NRW hat aufgrund der beschriebenen Entwicklung die zwingende Notwendigkeit gesehen, den Bereich Lehrerarbeit offensiv aufzunehmen und unter folgenden Leitgedanken  zu  bearbeiten:

Wenn man die Qualität der pädagogischen Arbeit weiterentwickeln will und zudem bejaht, dass sich für Lehrerinnen und Lehrer die schulischen Tätigkeiten nicht nur geändert haben, sondern auch stark ausgeweitet worden sind  und die Anforderungen immens gewachsen sind, muss man bereit sein, die gesamte Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern neu zu beschreiben und zu bewerten sowie unter gesundheitsförderlichen Gesichtspunkten auszugestalten. Es muss auf den im Vergleich zu anderen Berufsgruppen enorm hohen Anteil gesundheitlich gefährdeter Lehrerinnen und Lehrer endlich angemessen reagiert werden.
Eine Definition der Lehrerarbeitszeit rein über die Pflichtstunden wird dieser geänderten Situation nicht mehr gerecht. Letztendlich ist es außerdem zwingend erforderlich, die Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern mit der Arbeitszeit des öffentlichen Dienstes in Einklang zu bringen und vergleichbar zu machen.

Durch die Präsentation des Mindener Arbeitszeitmodells und die  Bereitschaft der Politik und des Schulministeriums, dieses Mindener Modell nicht nur zur Erprobung zu empfehlen, sondern es auch flächendeckend einzuführen, wenn keine Alternativen angeboten werden, ist zusätzlicher Druck entstanden.

Der VBE hat dazu die beiden Wissenschaftler Sieland und Schaarschmidt beauftragt, Im Rahmen von QuAGiS Erhebungen zur Lehrerarbeit bei Lehrkräften und Experten durchzuführen. Dabei ist nicht nur der Ist-Zustand, sondern auch der Soll-Zustand erfasst worden. Ziel war, aussagekräftige Daten darüber zu erhalten, wie sich die Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern tatsächlich zusammensetzt und welche Aspekte berücksichtigt werden müssen, um die Qualität der pädagogischen Arbeit,  Lehrergesundheit und die zur Verfügung stehende Arbeitszeit in Einklang bringen zu können.

Die vom VBE beauftragten Wissenschaftler Schaarschmidt und Sieland kommen in ihrer Untersuchung u.a. zu folgenden Ergebnissen:

• Die Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer aller Schulformen liegt mit einer Jahresarbeitszeit von durchschnittlich mehr als 2150 Stunden deutlich über der Jahresarbeitszeit des öffentlichen Dienstes.
• Für Vor- und Nachbereitung des Unterrichts wird 25% mehr Zeit benötigt als derzeit zur Verfügung steht.
• Die Zeit für außerunterrichtliche Aufgaben wie zusätzliches Beraten/Fördern, Verwalten, Konferenzen, Schulentwicklung und kollegiale Abstimmung ist zu gering bemessen und muss deutlich erhöht werden.
• Eine große Zahl von Lehrerinnen und Lehrern wünscht mehr Präsenzzeit, um mehr Möglichkeiten für Erholung und Gespräche während des Unterrichtstags zu haben. Dafür müssen die notwendigen sächlichen und räumlichen Voraussetzungen in den Schulen geschaffen werden.
• Die Lehrerinnen und Lehrer halten mit Blick auf die Gesamtheit der zu erfüllenden Aufgaben eine Absenkung der Unterrichtsverpflichtung für erforderlich.
• Zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer sehen in der Kürzung der Sommerferien (Anwesenheit in der letzten Ferienwoche) eine Möglichkeit, die Unterrichtswochen zu entlasten.

Auf der Basis der von den Wissenschaftlern erhobenen und ausgewerteten Daten sind Eckpunkte für ein VBE-Arbeitszeitmodell definiert worden, das das Pflichtstundenmodell ersetzen soll und die Schwächen des Mindener Modells überwindet. Zugleich soll es mit dem Arbeitszeitmodell des VBE gelingen, die Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern in ihrer Gesamtheit transparent zu machen.

Die Abgrenzung zum von der Landesregierung favorisierten Mindener Modell  ist für den VBE deshalb von besonderer Bedeutung, weil das Ziel des Mindener Modells  nicht eine verbesserte Lehrergesundheit und die Verbesserung der Qualität pädagogischer Arbeit durch Bereitstellung notwendiger Zeitressourcen ist, sondern lediglich die effizientere Steuerung von Personalressourcen und eine ökonomische Mittelverwaltung.
Erreicht werden diese Zielvorgaben durch die Deckelung des der Einzelschule zur Verfügung gestellten Stundentopfes. Somit wird die Arbeit in einem Kollegium nicht neu bewertet, sonder nur umverteilt. Die „gerechtere“ Bemessung der individuellen Arbeitszeit und damit in quantitativer Hinsicht eine Gleichbehandlung der Beschäftigten soll durch Faktorisierung von Fächern, Jahrgangsstufen, Klassengrößen etc. erreicht werden. Dies lehnt der VBE ab. Hinzu kommt, dass das Mindener Modell nicht erprobt und evaluiert wurde.

Auf der Grundlage der VBE- Eckpunkte sollen in allen allgemeinbildenden Schulformen Modellversuche möglich gemacht werden.   Dies schließt auch die mögliche Erprobung des von den beiden Wissenschaftlern entwickelten Schaarschmidt/Sieland-Modells ein. Eine wissenschaftliche Begleitung und Beratung der Modellschulen ist zwischen dem VBE-Landesverband und den beiden Wissenschaftlern vereinbart.Sowohl Schulen, die das Mindener Modell praktizieren, als auch Schulen, die nach dem bisherigen Pflichtstundenmodell arbeiten, sind in die vergleichende wissenschaftliche Untersuchung mit einzubeziehen.
Grundlage für alle in die wissenschaftliche Untersuchung einbezogenen Schulen muss § 93 Abs. 4 SchulG sein. Dieser besagt: „Zur Erprobung neuer Arbeitszeitmodelle kann das Ministerium Ausnahmen von der Bemessung der Arbeitszeit nach wöchentlichen Pflichtstunden zulassen.“

Durch die Evaluation und den Abgleich der Ergebnisse wird es möglich sein festzustellen, welche Maßnahmen zur Steigerung von Gesundheit und Qualität beigetragen haben. Diese werden in dem abschließenden VBE-Arbeitszeitmodell zusammengeführt und gebündelt, das dann für alle allgemeinbildenden Schulen zur Verfügung stehen wird.

Folgende aus den Vorschlägen der Wissenschaftler resultierende Eckpunkte sind aus der Sicht des VBE NRW für die Gestaltung eines zukunftsfähigen Arbeitszeitmodells unverzichtbar:

- Die Jahresarbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer ist auf die Jahresarbeitszeit des ÖD von 1804 Std. zu reduzieren.
- Die in der Untersuchung ermittelte durchschnittliche Arbeitszeit von 53 Zeitstunden pro Woche ist auf 46 Zeitstunden zu begrenzen.
- Die Zahl der zu erteilenden Unterrichtsstunden (auf 60 Minuten Basis) ist für alle Schulformen auf einen Umfang von 19 Zeitstunden festzulegen (davon eine Vertretungsstunde), wobei die Schulen die Unterrichtsstunden in ihrer Verantwortung in der Länge definieren und auch rhythmisieren können.
- Das zeitliche Verhältnis von Unterrichtsstunde zur Vor- und Nachbereitung ist (im Durchschnitt) so anzusetzen, dass einer Unterrichtsstunde eine Stunde Vor- und Nachbereitung entspricht.
- Für die über den Unterricht hinausgehenden pädagogischen Aufgaben wird ein durchschnittlicher Zeitbedarf von 8 Wochenstunden veranschlagt: Beraten  /  Fördern (mit 4 Stunden), Verwalten, Teilnahme an Konferenzen, Schulentwicklung sowie Abstimmungs- und Kooperationsgespräche (4 Stunden).
- Die letzte Woche der Sommerferien (§ 12 Abs. 2 ADO) wird mit 33 Zeitstunden auf die Jahresarbeitszeit angerechnet, um auf diesem Wege die Unterrichtswochen weiter zu entlasten (auf Grundlage von 38,5 Unterrichtswochen: 38,5 X 46 Std. = 1771 Std.; 33 Std. für letzte Sommerferienwoche, um 1804 Jahresarbeitszeitstd. zu erfüllen).
- Ein Nachmittag pro Woche ist für das gesamte Kollegium unterrichtsfrei zu halten, um Konferenzen, aber auch Kooperationsgespräche im kleineren Kreis durchführen zu können (im Rahmen des dafür vorgesehenen Zeitkontingentes).
- Es ist eine für Lehrer/innen und Schüler/innen gesundheitsförderliche Organisation des Unterrichtstags anzustreben. Für die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer bedeutet dies im Sinne von verbesserten Regenerationsmöglichkeiten den stärkeren Wechsel von Unterricht, anderen pädagogischen Tätigkeiten und Erholungsphasen sowie eine klarere Trennung der Lebensbereiche Schule – Nicht-Schule. Da dies längere Anwesenheitszeiten bedingt, ist es eine zwingende Voraussetzung, dass materielle und räumliche Bedingungen geschaffen werden, die ungestörtes Arbeiten, persönliche Gespräche, Kooperation im Kollegenkreis und Entspannung außerhalb des Unterrichts ermöglichen.

Die Wissenschaftler empfehlen im Rahmen Ihres Modells des Weiteren, dass jeder Vollzeitlehrkraft (Teilzeitlehrkräfte ihrer Gesamtarbeitszeit entsprechend) ein unterrichtsfreier Arbeitstag eingeräumt wird. Die für diesen Tag vorzusehenden Arbeitsaufgaben sind so zu bemessen, dass den notwendigen Differenzierungen nach Schulformen, Fächern und Klassenstufen entsprochen werden kann. (z. B. ist er bei den aufwendigsten Fächern in den höheren Klassenstufen weitestgehend für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts vorzusehen, während in den Schulformen und Klassenstufen, in denen die Aufgaben des Beratens und Förderns einen besonderen Stellenwert haben, der Tag verstärkt im Sinne dieser Aufgaben zu nutzen ist).

Der VBE unterstützt neben anderen Modellversuchen, die auf Basis dieser Eckpunkte durchgeführt werden, nachdrücklich auch die Erprobung dieses Vorschlags der Wissenschaftler. Dabei sollte den Schulen im Modellversuch in der Frage der Erprobung und Gestaltung der Präsenzzeit von Lehrerinnen und Lehrern ein wesentlicher Gestaltungsspielraum eingeräumt werden. Der VBE hält es für zwingend erforderlich, dass unterschiedliche Ansätze auf Grund von schulformspezifischen Gegebenheiten, Größe der Schule, Zusammensetzung des Kollegiums (VT/TZ) sowie der zur Verfügung stehenden räumlichen und sächlichen Voraussetzungen im Modellversuch erprobt und evaluiert werden müssen, um die Wirksamkeit einzelner Faktoren besser bewerten zu können.

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