Weniger ist mehr

VBE Pressedienst 70/07
VBE legt Eckpunkte für neues Lehrerarbeitszeitmodell vor

„Die Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern wird immer noch nach einem Modell aus dem 19. Jahrhundert organisiert“, erklärt Udo Beckmann, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft VBE NRW. „Dem setzt der VBE jetzt Eckpunkte für ein zukunftsfähiges Arbeitszeitmodell entgegen.“

Der VBE hat vor einem Jahr eine Befragung zur Lehrerarbeitszeit durchführen lassen. Befragt wurden nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch schulinterne und –externe Expertinnen und Experten. Die Befragung hat ergeben, dass die durchschnittliche Jahresarbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern die des öffentlichen Dienstes deutlich übersteigt. Die durch die Untersuchung ermittelte durchschnittliche Arbeitszeit von 53 Wochenstunden muss deshalb auf 46 Zeitstunden reduziert werden.

Nach unserem Arbeitszeitmodell soll dann eine Lehrerin bzw. ein Lehrer unabhängig von der Schulform 19 Zeitstunden einschließlich einer Vertretungsstunde Unterrichtsverpflichtung haben. Den Schulen steht es dabei frei, ob sie am 45 Minuten-Takt festhalten oder andere Zeiteinheiten zur Organisation des Unterrichts wählen wollen. Da Lehrerinnen und Lehrer nicht nur unterrichten, sondern ihre pädagogische Arbeit auch planen, koordinieren, vor- und nachbereiten müssen, muss die dafür benötigte Zeit auch als fester Faktor in den Arbeitsalltag eingeplant werden. Für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts muss pro Unterrichtsstunde jeweils eine Zeitstunde angerechnet werden, darüber hinaus werden für weitere Arbeiten außerhalb des Unterrichts acht Zeitstunden pro Woche veranschlagt.

In § 12 Absatz 2 der Allgemeinen Dienstordnung ist die Präsenzpflicht von Lehrerinnen und Lehrern in der letzten Woche der Sommerferien festgelegt. Diese Woche soll mit 33 Zeitstunden auf die Jahresarbeitszeit angerechnet werden, um die im öffentlichen Dienst üblichen 1804 Stunden Jahresarbeitszeit zu erreichen.

„Die Lehrerarbeitszeit muss transparent gemacht werden“, so Beckmann weiter. „Bislang weiß zwar jeder, dass Lehrerarbeit nicht alleine aus Unterrichten besteht, aber aus dieser Erkenntnis wurden seitens der Politik nicht die entsprechenden Schlüsse gezogen.“

Um die Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern besser strukturieren zu können, ist im Tagesablauf ein Wechsel zwischen Unterricht und anderen Tätigkeiten wichtig. Genauso wichtig ist auch, dass sich die Bereiche Arbeit und Freizeit strikter trennen lassen. Das kann das häufig beklagte Gefühl von Lehrern verhindern helfen, mit der Arbeit nie wirklich fertig zu sein.

„Dies bedingt längere strukturierte Anwesenheitszeiten in der Schule“, so Beckmann weiter. „Das ist aber nur möglich, wenn Lehrerinnen und Lehrer Arbeitsräume sowie Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt werden.“

Die vom VBE bei den beiden Wissenschaftlern Uwe Schaarschmidt (Uni Potsdam) und Bernhard Sieland (Uni Lüneburg) im vergangenen Jahr in Auftrag gegebene Untersuchung zur Lehrarbeitszeit ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Lehrerinnen und Lehrer mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts brauchen, um die Qualität ihrer pädagogischen Arbeit steigern zu können. Dem wird mit dem vorgelegten Arbeitszeitmodell Rechnung getragen.

„Anders als bei dem so genannten Mindener Modell handelt es sich hierbei nämlich nicht allein um eine effizientere Umverteilung der Arbeitszeit“, so Beckmann abschließend. „Die Lehrergesundheit soll ebenso in den Blick genommen werden wie das Ziel, die Qualität der pädagogischen Arbeit zu steigern. Letzteres kommt auch den Schülern zugute.“

Der VBE möchte in Verhandlungen mit der Landesregierung erreichen, dass Schulen dieses Arbeitszeitmodell unter wissenschaftlicher Begleitung in Schulen erprobt werden kann. Dabei beziehen wir uns auf den Antrag von CDU und FDP vom 20. 03. 2007, in dem die beiden Fraktionen sich ausdrücklich für die Erprobung neuer Arbeitszeitmodelle für Lehrerinnen und Lehrer aussprechen.

„Wir appellieren an die Landesregierung, sich nicht auf das so genannte Mindener Modell zu fixieren“, so Beckmann abschließend. „Wir möchten erreichen, dass unterschiedliche Modelle zugelassen, wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden, damit ein Vergleich möglich ist. Der VBE wird hierüber in den kommenden Wochen intensive Verhandlungen mit der Landesregierung führen.“

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